Kontakt

Erinnerungen an die «Bührer» in Hinwil

Erinnerungen an die «Bührer» in Hinwil

Am 03. März 2021 ist in Hinwil die hinter dem Bahnhof gelegene frühere Traktorfabrik «Bührer» in einem spektakulären Vollbrand (Bild: Kantonspolizei Zürich) bis auf die Grundmauern zerstört worden. Der dabei entstandene Rauch war über Dutzende von Kilometern sichtbar und hat sämtliche Dampflok-Emissionen der letzten 43 Jahre zusammen buchstäblich in den Schatten gestellt. Über 100 Jahre lang wurde zwischen den Bahnhöfen Bäretswil und Hinwil telegrafiert, telefoniert und abgeläutet, aber noch nie mittels Rauchzeichen kommuniziert… (Bild: ST AG).

 

Zwischen 1940 und 1978 baute Bührer in Hinwil seine Landwirtschafts-Traktoren für den ganzen Schweizer Markt. Zum Bahnversand der Produkte, aber auch zum Anliefern der Komponenten besass der Betrieb ein etwas gedrängtes Anschlussgleis, dessen Reste bis heute sichtbar sind. In der grauen Vorzeit des DVZO genoss die Technikgruppe einst für kurze Zeit hier Gastrecht, um die ersten Demontage- und Erneuerungsarbeiten an der Mogul-Tenderlok Ed3/4 2 vorzunehmen. In diesem Film von Fritz Hotz ist dokumentiert, wie der DVZO am 29. April 1972 dank Unterstützung der SBB mit einer Krokodil-Lok und einem Personenwagen die von Sulzer geschenkten Werkdampfloks Ed3/4 2 und E2/2 3 in Winterthur abholt und über die Tösstal-Linie ins Zürcher Oberland bringt. Unterwegs in Bauma wurde im Rahmen eines kleinen Volksfestes (fast könnte man sagen: der erste Dampfbahn-Sonntag) die Lok 3 abgehängt und in die Lokremise gestellt. Lok 2 konnte gleich in Hinwil einziehen, der direkte Weg ab Bauma über Bäretswil war aber versperrt. Denn die SBB-Kreisdirektion III interpretierte die Stilllegungszirkulare von 1969 so, dass keinerlei Verkehr mehr zwischen Bauma und Bäretswil zulässig sei, und ohnehin ist ein Krokodil für die Neuthaler Brücke zu schwer. So wurden Bremswagen für die Gefällsfahrt Gibswil-Rüti eingereiht, und nach zwei Spitzkehren war Hinwil erreicht (heute kaum zu glauben, dass die beschauliche Szene zwischen Minute 5:14 und 5:29 die Einfahrt in den Bahnhof Hinwil zeigt; am damaligen Standort des Filmers befindet sich mittlerweile die Stellwerk-Technikkabine am Ende des Parkplatzes). Nun ging es per Rangierseil und Zugkraft eines Bührer-Traktors in fortgesetzter Sägefahrt auf das Anschlussgleis, das über eine behelfsmässige Überdachung verfügte. Alsbald machten sich die Aktiven mit primitiven, von zu Hause mitgebrachten Werkzeugen an die Arbeit. In dieser Zeit (im Film zwischen Minute 6:16 und 6:18) muss die Lok auch mal noch gedreht worden sein, was auf der bis 1988 zur Verfügung stehenden Hinwiler Drehscheibe freilich kein Problem war.

 

Die im Film bei Minute 9:29 vom Kommentator Joggi Schaufelberger erwähnte «Nacht-und-Nebel-Aktion» zum überstürzten Auszug aus der «Bührer» mit Dislozierung nach Bauma im Folgejahr war Anlass für die einzige verbürgte Fahrt eines Zugpaars zwischen Bauma und Bäretswil in der Zeit der kompletten Stilllegung 1969-1978. Da es sehr schnell gehen musste (die genauen Hintergründe sind nicht mehr rekonstruierbar; eventuell besteht ein Zusammenhang mit dem damaligen Verkauf der Bührer an Rapid), anerbot sich der Baumer Stationsvorstand und Kantonsrat Kurt Domeisen behilflich zu sein. Kurzerhand liess er durch den Bahnmeister das Gleis behelfsmässig herrichten (wozu die SBB ohnehin vom EMD verpflichtet war), ordnete eigenhändig in Absprache mit den Vorständen Bäretswil und Hinwil für die Baumer Rangierlok eine Fahrordnung an und schaltete den Fahrstrom ein. Der Te’’ fuhr mit einem Bremswagen nach Hinwil und brachte den Torso der Ed3/4 2 zurück ins Tösstal. Dumm war nur, dass ein Anwohner im Morgenwis mittlerweile das Bahntrasse für seine Hausschindelproduktion zu missbrauchen pflegte, indem er die frisch imprägnierten Stücke im sonnenbeschienenen Gleis der Reihe nach zum raschen Trocknen hinlegte. Der überraschend verkehrende Traktorzug zerstörte etliche davon, so dass sich der Missetäter zu einer geharnischten Intervention bei der SBB-Kreisdirektion III in Zürich genötigt sah. Wer nun aber denkt, dass diese mit Verweis auf das Bahnpolizeigesetz von 1874 dem Reklamanten zeigte wo Barthli den Most holt, der irrt. Vielmehr zeigte der Betriebschef volles Verständnis für den aufgebrachten Anrainer, ging auf Kurt Domeisen los und warf ihm Amtsanmassung sowie Überschreitung seiner Kompetenzen vor. Nie hätte er als kleiner Stationsvorstand solches tun dürfen! Züge seien ausschliesslich durch das Fahrplanbüro in Zürich anzuordnen. Domeisen konnte aber die Legitimität seines Handelns mit Verweis auf das Fahrdienstreglement und die seinerzeitigen Stilllegungszirkulare lückenlos belegen. Er ergänzte dazu maliziös, dass er seinen Posten sofort räumen werde, wenn er nicht mehr tun dürfe wozu er reglementarisch befugt sei. In der damaligen Personalknappheit (es war die letzte Phase der Überhitzung kurz vor der Ölkrise) war das denn auch für die Kreisdirektion III keine valable Option, und man liess die Sache stillschweigend versanden.

Jürg Hauswirth
Keine Kommentare

Entschuldigung, die Kommentarfunktion ist zurzeit deaktiviert.