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Die sieben Leben der Dampflok Ed3/3 401

Ed 3/3 401 vor dem Depot Bauma

Die sieben Leben der Dampflok Ed3/3 401

All­ge­mein bekannt ist, dass die DVZO-Lok 401 einst bei der Ueri­kon-Bau­ma Bahn UeBB ihre kur­zen, zumeist unren­ta­blen Züg­lein im Zür­cher Ober­land hin und her gezo­gen hat. Wie aber kam es, dass eine so klei­ne Lokal­bahn ihrer Maschi­ne eine so gros­se Num­mer ver­ge­ben hat­te ? In der Regel wur­de bei 1 begon­nen, und die meis­ten Bahn­ge­sell­schaf­ten kamen nicht über 3, 4 oder 5 hin­aus. Und wie kam es, dass aus­ge­rech­net das Löke­li einer eini­ger­mas­sen unbe­deu­ten­den Lokal­bahn heu­te als Zeu­ge an die gros­se Loko­mo­tiv­ge­schich­te der damals im Raum Zürich-Ost­schweiz markt­be­herr­schen­den, 1902 in die SBB auf­ge­gan­ge­nen Schwei­ze­ri­schen Nord­ost­bahn NOB erinnert ?

Ed 3/3 401 vor dem Depot Bauma
Unda­tier­te Auf­nah­me der Ed 3/3 401 vor dem Depot Bau­ma aus den 1900-Nuller­jah­ren. Auf dem Revi­si­ons­schild der Lok steht : « Z. 10.2.05 ». (Foto : Archiv Ver­kehrs­haus der Schweiz)

Zwillingsschwester der Ed 3/3 401
Zwil­lings­schwes­ter Ed 3/3 402 in der Werk­stät­te Zürich
(Foto : Archiv Ver­kehrs­haus der Schweiz)

In ihr ers­tes Leben gestar­tet ist die Ed3/3 401 zusam­men mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter 402 um den mathe­ma­ti­schen Jahr­hun­dert­wech­sel 1900/1901, mit Kon­struk­ti­on in den Win­ter­thu­rer Werk­hal­len der damals voll­aus­ge­las­te­ten Schwei­ze­ri­schen Loko­mo­tiv- und Maschi­nen­fa­brik SLM. Aber an wen erfolg­te die Ablie­fe­rung ? – Das war kom­pli­ziert… Bestellt wur­den bei­de Loks zwar von der seit zwei Jah­ren im Bau befind­li­chen UeBB als Num­mern 1 und 2 nach Plä­nen einer Serie von neun Dreikupp­ler-Ran­gier­loks der NOB, die dort die Betriebs­num­mern 453–461 tru­gen und die ihrer­seits nach Vor­bild der dama­li­gen Sihl­tal­bahn-Maschi­nen kon­stru­iert wor­den waren (der 1892 gebau­te « Hans­li » unse­rer Kol­le­gen bei der Züri­cher Muse­ums­bahn ist somit der erst­ge­bo­re­ne Halb­bru­der unse­res 401 in die­ser Patch­work­fa­mi­lie, an der noch diver­se ande­re Bahn­ge­sell­schaf­ten betei­ligt waren). Vol­ler Taten­drang beab­sich­tig­te die UeBB mit die­sem Paar den Betrieb zu füh­ren. Kurz­fris­tig kam sie dann aber mit der benach­bar­ten Tösstal­bahn TTB (Win­ter­thur-Bau­ma-Wald) über­ein, dass die­se im Man­dat den Betrieb auf der neu­en Stre­cke über­neh­men soll­te. Die bei­den zur UeBB-Betriebs­er­öff­nung am 30. Mai 1901 fer­tig­ge­stell­ten Loks waren mit­hin sogleich über­zäh­lig, aber die NOB mel­de­te Bedarf an und mie­te­te die Maschi­nen ab Zeit­punkt der Ablie­fe­rung. Bedin­gung war, dass sie nicht die Num­mern 1 und 2 tru­gen, son­dern in Über­ein­stim­mung mit dem ziem­lich unsys­te­ma­ti­schen NOB-Sche­ma bereits ab Werk die Num­mern 401 und 402 beka­men. So goss denn die SLM noch rasch die Mes­sing­schil­der und ‑zah­len nach dem NOB-typi­schen Schrift­bild, denn cor­po­ra­te iden­ti­ty gab es schon damals.


Das ers­te Leben der Lok 401 mit dem Ein­satz bei der NOB dau­er­te nicht lan­ge, denn zum 01. Janu­ar 1902 wur­de die vier Jah­re zuvor in einer Volks­ab­stim­mung beschlos­se­ne Ver­staat­li­chung der gros­sen Pri­vat­bahn-Gesell­schaf­ten auch in der Ost­schweiz voll­zo­gen. Die NOB mit all ihrem Per­so­nal und Mate­ri­al ging inte­gral im Kreis III der Schwei­ze­ri­schen Bun­des­bah­nen SBB auf. Im Gegen­satz zu den NOB-eige­nen Loks der Serie blie­ben den UeBB-Loks aber ihre NOB-Num­mern inklu­si­ve den Schil­dern erhal­ten, wäh­rend alle ande­ren ver­blie­be­nen NOB-Maschi­nen umnum­me­riert und mit dem moder­ne­ren SBB-Schrift­bild bezeich­net wur­den (so die neun 401-Geschwis­ter mit E3/3 8551–8559). Die Lok 401 aber begann, nicht unter der Num­mer 8541 oder 8560, son­dern unter der unver­än­der­ten NOB-Iden­ti­tät ihr zwei­tes Leben bei der SBB ; ein­ge­setzt wur­de sie nach wie vor in ver­schie­de­nen ver­kehrs­rei­chen Bahn­hö­fen der Regi­on als Ran­gier­lok. Ein über­lie­fer­tes Bild aus dem ehe­ma­li­gen VSB-Bahn­hof Rüti ZH stammt aus die­ser Zeit.


Ed 3/3 401 in winterlicher Mission
Ed 3/3 401 in win­ter­li­cher Mis­si­on bei der Schnee­räu­mung 1915
(Foto : Chro­nik Archiv Bäretswil)

Das Ver­hält­nis zwi­schen der UeBB und der betriebs­füh­ren­den TTB war nie das Bes­te, stets wur­de rap­pen­spal­te­risch um Abgel­tun­gen und Ent­schä­di­gun­gen gefeilscht. 1907 hat­te die UeBB genug vom Zoff und über­nahm den Betrieb nun doch selbst. Die bei­den Stamm­loks 401 und 402 kamen unter unver­än­der­ten Num­mern end­lich zur Eigen­tü­me­rin. Das drit­te Leben der Lok 401 dau­er­te 37 Jah­re. Zunächst wur­de sie fast täg­lich zwi­schen Zürich­see und Töss­tal ein­ge­setzt, unter­bro­chen nur durch einen län­ge­ren Werk­statt­auf­ent­halt zur Erneue­rung der Feu­er­büch­se bei der Arth-Rigi-Bahn in Arth-Goldau ums Jahr 1909 – offen­bar hat­te der stren­ge Ran­gier­dienst bereits sehr an der Sub­stanz gezehrt. Ende der 20er-Jah­ren erfolg­te der Umbau auf Heiss­dampf, was den Wir­kungs­grad um rund einen Drit­tel von 3.5% auf 5% der zuge­führ­ten che­mi­schen Ener­gie erhöh­te. Spä­ter betrau­te der UeBB-Betriebs­chef Kas­per den Sen­se­tal­bahn-Glas­kas­ten Ed2/2 23 sowie den Dampf­trieb­wa­gen CZm1/2 31 mit dem Haupt­teil der Zug­füh­rung. Von der Sihl­tal­bahn war die Lok 6 mitt­ler­wei­le als drit­tes Pferd auch ins Ober­land gelangt, wäh­rend die Stamm­loks und der sehr viel Heu fres­sen­de « UeBB-Ele­fant » Ed3/4 41 mehr­heit­lich in der Remi­se blie­ben. Loko­mo­ti­ven hat­te die klei­ne Gesell­schaft auf jeden Fall genug, und so kam es 1944 zum Ver­kauf des 401 an das Gas­werk der Stadt St.Gallen zur wei­te­ren Ver­wen­dung als Werk­lok. Auch wenn der defi­ni­ti­ve Ent­scheid zur wei­te­ren Zukunft der UeBB erst 1946 gefällt wer­den soll­te, war doch schon vor­her klar, dass der maro­den Bahn ent­we­der die Liqui­da­ti­on oder die Total­sa­nie­rung mit Elek­tri­fi­ka­ti­on bevor­stand und die Zeit der über 40-jäh­ri­gen Dampf­loks im Stre­cken­dienst abge­lau­fen war. Der vor­zei­ti­ge Weg­gang stell­te sich spä­ter für die Lok 401 als lebens­ret­tend her­aus, denn ihre im Ober­land ver­blie­be­ne Zwil­lings­schwes­ter 402 gelang­te nach Betriebs­ein­stel­lung 1948 mit der Liqui­da­ti­ons­mas­se ohne wei­te­ren Ver­wen­dungs­zweck zur SBB, die sie 1950 dem Sekun­där­roh­stoff­kreis­lauf zuführ­te. Vom 402 haben ledig­lich eini­ge Trieb­ge­stän­ge- und Zube­hör­tei­le als Ersatz­stü­cke auf dem 401 überlebt.


Das St. Gal­ler Gas­werk befand sich nicht etwa am Rand der hoch gele­ge­nen Stadt, son­dern am Ufer des Boden­sees. Von dort war es ein­fa­cher, Gas hoch­zu­pum­pen als Koh­le hoch­zu­fah­ren. Die Zür­cher Ober­län­de­rin bekam ein reprä­sen­ta­ti­ves Fir­men­schild auf jede Kes­sel­sei­te und brach­te in ihrem vier­ten Leben ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang die Koh­le vom SBB-Bahn­hof Horn zur Ver­ga­sung ins nahe gele­ge­ne Werk­ge­län­de. Bis 1969 dau­er­te die­ses Früh­rent­ner­da­sein, dann stell­te St.Gallen auf Erd­gas um und been­de­te die Koh­len­ver­ar­bei­tung. Die Lok 401 wur­de wie­der ein­mal arbeits­los und hat­te mit ihren mitt­ler­wei­le 68 Jah­ren bloss noch Schrottwert.

Ed 3/3 401 Werklok Gaswerk St. Gallen
Ed 3/3 als Werk­lok des Gas­werks St. Gal­len 1967
(Foto : Hans-Peter Bärts­chi, ETH e‑pics)

Ed 3/3 401 DVZO 1986
Nach Voll­endung der Total­re­vi­si­on durch den DVZO 1986

Immer­hin waren sich eini­ge kun­di­ge Leu­te ihres his­to­ri­schen Werts bewusst. Der frisch gegrün­de­te DVZO schiel­te natür­lich auch schon hin, hat­te aber zu wenig Flüs­si­ges um sie zu kau­fen. Ein freund­li­cher Zeit­ge­nos­se erstand sie ab Platz zum Alt­ei­sen­preis und hin­ter­stell­te sie für die nächs­ten rund zehn Jah­re in einer Scheu­ne – mit dem kla­ren Ziel, sie der­einst ohne Gewinn dem DVZO wei­ter­zu­ver­kau­fen, sobald die­ser zu finan­zi­el­len Kräf­ten gekom­men sein wür­de. Die­ses fünf­te, stau­bi­ge Leben war wohl das dun­kels­te ihrer Exis­tenz, aber auch die­se Pha­se war für den Fort­be­stand unerlässlich.


Nach der Inbe­trieb­nah­me der Ed3/4 2 und der Auf­nah­me des öffent­li­chen Fahr­be­triebs 1978 war der DVZO soweit, die Lok 401 käuf­lich zu erwer­ben und sich fach­ge­recht um sie zu küm­mern. In den fol­gen­den Jah­ren arbei­te­ten die Tech­nik-Mit­glie­der in der bis­wei­len bit­ter­kal­ten Remi­se Wil SG die Dampf­lok mus­ter­gül­tig auf. Von der fei­er­li­chen Inbe­trieb­nah­me 1986 gibt es einen Film im Dampf­lä­de­li zu kau­fen. Als Müs­ter­chen der dama­li­gen Moti­va­ti­on und Stim­mung sei erzählt, dass die Lok mit schwar­zen Rädern von Wil nach Bau­ma kam, die­se aber noch vor dem ers­ten öffent­li­chen Ein­satz in hel­lem Rot erstrahl­ten. Wie auch immer, für die Lok begann eine schö­ne Zeit. Sie wur­de gehegt, gepflegt und bewun­dert. Von 1988 an oblag ihr vier Sai­sons lang die allei­ni­ge Dampf­trak­ti­on, mit dis­kre­ter Red­un­danz durch die Elek­tro­lok Be4/4 15 oder einen SBB-Sta­ti­ons­trak­tor. Zumeist befuhr sie ihre Hei­mat­stre­cke, sei es Bau­ma-Hin­wil oder Bubi­kon-Wolf­hau­sen. Gele­gent­lich kam sie aber auch auf der frü­he­ren TTB nach Wald oder Win­ter­thur. In den 90ern erhielt sie Gesell­schaft von der erneut restau­rier­ten Lok 2 und spä­ter noch vom SBB-Tiger 8518. Zum 25-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des DVZO erhielt sie 1994 in einem fei­er­li­chen Tauf­akt nach Vor­bild der Bahn­pio­nier­zeit den Lokna­men « Bau­ma » mit ent­spre­chen­dem Schild. Ihr sechs­tes Leben hauch­te sie nach 15 stren­gen Jah­ren buch­stäb­lich aus, und zwar exakt am Fol­ge­tag des Dampf­lok­tref­fens « 100 Jah­re UeBB » Ende Mai 2001, als die bis­her klag­los dicht hal­ten­den Roh­re bei der Über­fuhr nach Uster zu rin­nen began­nen wie eine Zai­ne. Wie wenn die Lok geahnt hät­te, die­ses wich­ti­ge Datum jetzt noch um jeden Preis durch­ste­hen zu müssen.


Aber­mals kam es für die Ed3/3 401 zu einem län­ge­ren Werk­statt­auf­ent­halt, denn nicht zum ers­ten Mal in ihrer Exis­tenz man­gel­te es an Geld. Das gestren­ge Kes­sel­inspek­to­rat befand die alte Kup­fer­feu­er­büch­se für nicht mehr sicher genug und dekre­tier­te zum Rohr­wech­sel deren Total­er­satz. Nach einer rüh­ri­gen Spen­den­ak­ti­on und einem wüs­ten Streit und das Ersatz­de­sign waren die Mit­tel schliess­lich bei­sam­men und das Kon­zept fest­ge­legt. Der Kes­sel wur­de an die tsche­chisch-öster­rei­chi­sche Gren­ze nach Čes­ké Vele­ni­ce gekarrt. Dort gab es aus alter Zeit ein Dampf­l­ok­werk, das zu aus­rei­chend güns­ti­gen mit­tel­eu­ro­päi­schen Kon­di­tio­nen den Neu­bau einer Stahl­feu­er­büch­se offe­rier­te (kurz dar­auf erlitt die­ses das Schick­sal vie­ler Betrie­be aus der Plan­wirt­schafts-Zeit und wur­de geschlos­sen). Die Lok 401 aber kam auf die Sai­son 2009 wie­der zum Fah­ren und begann ihr bis heu­te dau­ern­des sieb­tes Leben. Das Bun­des­amt für Ver­kehr BAV teil­te ihr um 2015 her­um mit eini­gem his­to­ri­schem Sach­ver­stand die 12-stel­li­ge inter­ope­ra­ble Num­mer CH-DVZO 90 85 0008 541-4 zu, womit sie den 1902 ver­pass­ten Num­mern­wech­sel von der NOB zur SBB nach über 100 Jah­ren doch noch irgend­wie voll­zo­gen hat, aber dies ist nur eine admi­nis­tra­ti­ve Quis­qui­lie. Wich­ti­ger ist da schon eher, dass sie 2019 nach einem Drit­tel­jahr­hun­dert wie­der schwar­ze Räder bekom­men hat.

Ed 3/3 mit GmP im Tösstal
Nach dem Kes­sel­er­satz Anfang der 2010er Jah­re mit einem GmP im Töss­tal unter­wegs.
(Foto : Georg Trüb)

Ed 3/3 401 in Uster
Som­mer 2021 : Nach 1.5‑jähriger Kes­sel­re­vi­si­on kehrt die Ed 3/3 pünkt­lich zu ihrem 120-jäh­ri­gen Geburts­tag auf ihre Stamm­stre­cke zurück. (Foto : Kim Nipkow)

Die Ed3/3 401 « Bau­ma », die das NOB-Design in die heu­ti­ge Zeit tra­diert hat, an die son­der­ba­re Bahn­ge­sell­schaft UeBB erin­nert und dem DVZO seit 35 Jah­ren eine wich­ti­ge betrieb­li­che Stüt­ze sowie Iden­ti­fi­ka­ti­on bie­tet, möge noch lan­ge wei­ter in ihren Stamm­lan­den unter­wegs sein und von kun­di­gen Hand­wer­ke­rin­nen und Meis­tern ihres Fachs betriebs­fä­hig an die nach­fol­gen­den Genera­tio­nen wei­ter­ge­reicht werden.

Text : Jürg Hauswirth